Fr, 24. Jul. 2020   Huber, Valentina

Die Frankfurter Allgemeine Zeitung über Ansgar Belke vom 24.07.2020

Ansgar Belke

Die Debatte hat er nicht gescheut, aber das heiße Gefecht war seine Sache nicht. Geboren in Münster, wo er auch studierte, promovierte und habilitierte Ansgar Belke an der Ruhr-Universität Bochum in Volkswirtschaftslehre und Ökonometrie, ehe es ihn über Stationen in Wien und Hohenheim 2007 wieder ins Ruhrgebiet zog. Seit 2007 war Belke Lehrstuhlinhaber für Volkswirtschaftslehre und seit 2012 Jean-Monnet-Professor an der Universität Duisburg-Essen. Als solcher machte sich der Makroökonom über die Landesgrenzen hinaus einen Namen. Mit Nüchternheit und großer Leidenschaft zugleich ergründete er die Welt von Geld und Ersparnis. Der Idee der europäischen Integration fühlte sich Belke, geprägt von Wim Kösters, zeit seines Lebens verbunden. Doch mit Zweckmäßigkeiten und linearen Verläufen konnte er sich nicht anfreunden: Nirgendwo stehe in Stein gemeißelt, dass auf einen Integrationsschritt wie die Bankenunion zwingend der nächste folgt, so Belke sinngemäß. Ihn trieb um, warum Europa zuweilen mehr auseinanderdriftet als zusammenwächst.

Das klare Urteil mied der Empiriker auch dann nicht, als es in der Euro-Krise nicht zuletzt zwischen Ökonomen hitzig wurde, und seine Kritik an der EZB hielt er nicht hinterm Berg. Mehrfach bemängelte er ein „Durchwursteln“ in der Europa-Politik und sprach von „Vernebelungstaktik“. Doch unter öffentlichen Aufrufen las man seinen Namen nicht – da eine Massenpetition letztlich nur die nächste provoziert, wie er selbst einmal sagte. Aber auch, weil manch Kommentator den globalen Kontext der Geldpolitik zu sehr außer Acht ließe und vorschnell Korrelationen vermute, wo die Empirie dürftig sei. Seine Stimme wurde gehört, auch in der F.A.Z. meldete sich Belke häufiger und zuletzt erst im Juni mit einem Meinungsbeitrag zu Wort, daneben war er Berater unzähliger Gremien im In- und Ausland und auch auf Konferenzen ein gefragter Mann. Von 2009 bis 2014 gehörte er dem Finanzexpertenrat des Europäischen Parlaments an, in den er in diesem Jahr für die Dauer von vier Jahren abermals berufen wurde. Zudem fungierte er als Mitherausgeber vieler Publikationen. Am Mittwoch ist Ansgar Belke völlig überraschend im Alter von 55 Jahren verstorben. Er hinterlässt eine Frau und drei Kinder.

Quelle: FAZ vom 24.07.2020